Noch eine Woche ist´s bis zur Karwoche. Schon ab dem Sonntag mit dem Namen Judica, den wir am 29. März feiern, richtet sich der Blick stärker auf das Kreuz Jesu. Wir feiern den 5. Sonntag in der Passionszeit. Texte, Lieder und Predigt sind dieses Mal von Pfarrer Michael Grell. 

 

Zum Eingang

 

Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.
Wir feiern Gottesdienst am Sonntag Judica. Gottes schaffe Recht, bringe zurecht, wo unsere Kraft nicht hinreicht. 

Wir beten Psalm 43:

Schaffe mir Recht, Gott,
und führe meine Sache wider das treulose Volk
und errette mich von den falschen und bösen Leuten!
Denn du bist der Gott meiner Stärke:
Warum hast du mich verstoßen?
Warum muss ich so traurig gehen,
wenn mein Feind mich drängt?
Sende dein Licht und deine Wahrheit,
dass sie mich leiten
und bringen zu deinem heiligen Berg
und zu deiner Wohnung,
dass ich hineingehe zum Altar Gottes,
zu dem Gott, der meine Freude und Wonne ist,
und dir Gott, auf der Harfe danke, mein Gott.
Was betrübst du dich, meine Seele,
und bist so unruhig in mir?
Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken,
dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.

 

Wochenlied EG 97 – Holz auf Jesu Schulter
Choralmotette von Karl Hänsel: https://www.youtube.com/watch?v=SUBpzj0T2VU

 

Verkündigung

 

Liebe Gemeinde,

der stille Vorfrühling nimmt seinen Lauf. Hin und wieder sieht man einen Menschen auf der Straße. Ein kurzer Gruß wird gewechselt. Dann sitzt man wieder zu Hause. Allein oder in der Familie mit den immer gleichen Menschen.

Einsam kann das machen. Vor allem, wenn man keine telefonischen Kontakte hat, wenn man gar keine Aufgaben mehr hat. Mir geht´s da zum Glück nicht so. Das Telefon steht kaum still. Dann ist wieder eine Telefonkonferenz angesetzt – eine kurze oder längere Besprechung. Das Leben geht weiter seinen Gang, auch wenn es an vielen Stellen jetzt anders ist.

Und doch besteht die Gefahr, dass uns die Decke auf den Kopf fällt. Es gilt durchzuhalten, womöglich sogar für eine längere Zeit. Eine ältere Frau erzählt, dass sei doch alles nur eine Ausrede, dass die Enkel jetzt nicht mehr zu ihr kämen. Die wollen sich doch nur davor drücken, mich zu besuchen. Eine Mutter kämpft mit ihren drei Kindern zu Hause. Schulaufgaben für die Kleinen am Morgen, der pubertierende Jugendliche dagegen ist immer gleich genervt, wenn er was machen soll. Der wird die Klasse wiederholen, wenn das so weiter geht. Er würde gern die Freunde treffen und das gemeinsame Fußballspielen fehlt ihm schon nach zwei Wochen.

Wir sind auf uns selbst zurückgeworfen. Besonders erleben das die, die erkranken und sich testen lassen müssen. Warum war der Kollege denn nach seinem Skiurlaub gleich wieder im Dienst? Das hätte man sich ja denken können, dass der das Virus mit einschleppt. Wäre er mal zu Hause geblieben. Jetzt ist er positiv. Alle stehen unter Quarantäne. Keiner ruft mehr an und erkundigt sich nach dem Wohlbefinden. Es könnte ja auch ihn treffen. Den vorwurfsvollen Blick kann man förmlich durch den Telefonhörer kriechen sehen. Eine große Stille macht sich breit.

Das Personal ist in großer Sorge. Die Zahl der Erkrankten auf Intensiv ist schnell gestiegen. Es könnte jeden hier treffen. Wie lange wird die Schutzkleidung reichen? Werden wir über Leben und Tod entscheiden müssen? Wird es gelingen, dass große Sterben zu verhindern?

Zu Hause sitzen wir und können all diese Sorgen noch nicht einmal in unsere Kirche tragen. Da ist es tröstlich, dass der heutige Predigttext uns hinausweist. Im letzten Kapitel des Hebräerbriefes lesen wir:

Jesus hat, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

 

Liebe Gemeinde,

draußen vor dem Tor? – wo ist das jetzt in diesen Tagen? 
Ist es in den Hospitälern, die schon im Mittelalter lieber vor den Toren der Stadt ihren Platz fanden, damit die Kranken vom Rest der gesunden Bevölkerung isoliert werden konnten?
Ist es der Ort der letzten Ruhestätte, den man in Pestzeiten aus dem Innern der Dörfer hinausverlegte?
Draußen vor dem Tor? – sind auch die verschlossenen Kirchentüren gemeint?

Draußen vor dem Tor ist kein Ort, wo wir verlassen wären. Gott zeigt uns gerade dort, dass wir ihm wichtig sind. Gott zeigt uns, dass er die Welt nicht verloren gibt. Draußen kommt er zur Welt. In einer Krippe, im Stall. Das ist kein Ort heiler Welt. Denn es war kein Raum in der Herberge. Draußen vor den Toren der Stadt stirbt er am Kreuz.

Musik

In einer fernen Zeit
gehst du nach Golgatha,
erduldest Einsamkeit,
sagst selbst zum Sterben ja.

Du weißt, was Leiden ist.
Du weist, was Schmerzen sind,
der du mein Bruder bist,
ein Mensch und Gottes Kind.

Verlassen ganz und gar
von Menschen und von Gott,
bringst du dein Leben dar
und stirbst den Kreuzestod

Stirbst draußen vor dem Tor,
stirbst mitten in der Welt.
Im Leiden lebst du vor,
was wirklich trägt und hält.

Das „Draußen vor dem Tor“ erfährt eine neue Wendung: Mitten in der Welt. Mitten in unserer Zeit ist der Christus da. Er ist bei denen, die zu Hause sitzen und nichts mit ihrer Zeit anzufangen wissen. Er ist bei denen, die die Welt nicht mehr verstehen, weil das alles viel zu viel ist momentan. Er ist dort, wo das Miteinander schwieriger wird. Er ist vor allem dort, wo Menschen leiden und sterben müssen.

Denn der Sohn des Zimmermanns aus Nazareth hat sich nicht gescheut zu denen zu gehen, die draußen vor dem Tor saßen. Er ging hin zu den Kranken und Aussätzigen. Er hat nicht gewartet bis sie zu ihm kamen, sondern ist hinausgegangen. Er hat das Heil nicht nur verkündigt, nein, mit seinem Kommen hat er gezeigt: Das Reich Gottes beginnt jetzt und hier – mitten in der Welt.

 

Ein Zeichen seiner Nähe ist das Kreuz. Im Kruzifix von Johann Nikolaus Knoll aus unserer St. Leonhardkirche erblicken wir Schmerz und Leid, aber gleichzeitig auch eine innere Ruhe. So kommt Gott uns nahe. Er teilt unser Leid und unsere Sorgen um die Zukunft. Wenn wir sie bei ihm lassen, dann können wir innerlich ruhiger werden.

In der Kreuzkirche erblicken wir das Kreuz vielfältig in den Farbtafeln. Es durchbricht das Grau des Lebens mit bunten Farbverläufen. An einer Stelle aber wird es durch die Farbe erst besser sichtbar. Die Wunde des Kreuzes bleibt offen und wird zum Sinnbild dessen, was uns an dieser Welt schmerzt. Damals zu Beginn der 1960er Jahre, als die Kreuzkirche erbaut wurde, war das Kreuz ein Sinnbild für den Riss in Deutschland, der sich durch das Hochziehen des Grenzzaunes manifestierte. Für was steht dieses Sinnbild des Risses im Kreuz heute?

Musik

Viele von uns haben auch zu Hause ein Kreuz hängen. Nicht nur in unseren Kirchen ist Gott gegenwärtig. Er ist auch draußen vor den Toren der Kirche, eben zu Hause da. Dieses Kreuzeszeichen in unseren eigenen vier Wänden mag uns gerade jetzt wichtig werden. Es ist nicht nur ein Schmuckstück wie manch anderes, was wir irgendwo hinhängen. Es ist ein Zeichen dafür, dass Gott gerade jetzt unsere Sorgen und Ängste sieht. Er gibt niemanden verloren. Er ist draußen bei uns.

Diese Nähe Jesu gibt uns neue Kraft. Dieser Jesus von Nazareth hat sich nicht in einen Tempel zurückgezogen. Er war draußen bei den Menschen. Er ging in die Häuser. Er aß mit Leuten, mit denen niemand sich zu Tisch setzen wollte. Er diente den Menschen, in dem er sich dahingab ohne eigene Macht zu demonstrieren.

Lebenshingabe für die anderen ist auch jetzt von uns verlangt. Das beginnt mit dem Zuhausebleiben, auch wenn´s schwerfällt. Freiwillige Dienste für andere wollen viele übernehmen. Das ist ein tröstliches Zeichen. Die Bereitschaft im medizinischen und pflegerischen Bereich mitzuhelfen, um Notlagen zu mildern, ist ein gutes Signal.

So kommt etwas in Bewegung in der Zeit des Stillstandes. So entsinnt sich mancher seiner verborgenen Gaben und Kräfte. Das sind mutmachende Zeichen, die wir jetzt brauchen: „Blüh auf, gefrorener Christ!“, „Blüh jetzt und hier!“ (Angelus Silesius) – mitten in der Welt. 

Amen.

 

Lied EG 93 – Nun gehören unsere Herzen
https://www.youtube.com/watch?v=dZI9Cz4m0F0

 

Gebet und Segen

 

Wir beten 

Herr Jesus Christus,
du siehst in unser Herz und weißt um unser Leben.
Wir bitten dich: 

Für alle Christen,
dass sie sich nicht verkriechen,
sondern einbringen können mit ihren Gaben,
sende deinen Geist für alles Tun, das jetzt geschieht. 
Christus, erhöre uns!

Für alle, die große Verantwortung tragen in Politik und Gesellschaft,
dass sie besonnen entscheiden und sich nicht den Blick verstellen lassen für das, was dem Wohl aller Generationen dient. 
Christus, erhöre uns!

Für alle Familien,
dass wir uns nicht aus den Augen verlieren,
miteinander im Gespräch bleiben,
und einander Freiheiten gewähren.

Christus, erhöre uns!

Für alle, die alleine sind,
oder belastet sind durch körperliche und seelische Not,
dass sie Trost und Hilfe erfahren.
Christus, erhöre uns!


Für alle Ärzte, Pflegerinnen und Sanitäter,
schenke Ausdauer für alle Aufgaben
und Weisheit bei schweren Entscheidungen.
Christus, erhöre uns!

Für alle, die krank sind
ganz besonders für die, die im Sterben liegen,
für alle, die der Tod uns genommen hat, dass sie geborgen sind in deiner Liebe und wir sie einst wieder finden in dir. 
Christus, erhöre uns!

Dir, unserem Herrn, vertrauen wir uns an.
Du lässt uns nicht fallen und verlässt uns nicht. 
Dafür danken wir dir und preisen wir dich heute und in Ewigkeit.
Amen.

Vaterunser

Der Herr segne Euch und behüte Euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Der Herr erhebe sein Angesicht über Euch und gebe Euch Frieden. Amen.

Alle Teile des Gottesdienstes in einem Hörstück: