Herzlich willkommen zum Gottesdienst an Misericordias Domini, dem Hirtensonntag. Bitte nehmen Sie sich die Bibel und das dicke blaue Gesangbuch aus dem Schrank und zünden Sie sich eine Kerze an. Wir beginnen:

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Das Votum für den heutigen Sonntag Misericordias Domini steht im Johannesevangelium im 10. Kapitel:

„Christus spricht: Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme und ich kenne sie, und sie folgen mir: und ich gebe ihnen das ewige Leben.“

In dieser österlichen Freudenzeit beginnen wir mit einem österlichen Lied: Lied 100,1-5 „Wir wollen alle fröhlich sein in dieser österlichen Zeit“

Wir beten unser Psalmgebet mit Worten des 23. Psalms. (Den kann jeder auswendig, somit tippe ich ihn hier nicht ab.)

Wir beten:

Du leitest uns, lieber Gott,
und dein Auge wacht über uns.
Niemanden verlierst du aus dem Blick.
du trägst uns, wenn wir verzagt und müde sind.
du führst uns, wenn sich Abgründe vor uns auftun:
Lass uns die Stimme des Guten Hirten hören,
die Stimme Jesu Christi, unseres Herrn.
Amen.

Wir lesen das Evangelium für den heutigen Sonntag im Johannesevangelium im 10. Kapitel (Johannes 10,11-16).

Anschließend bekennen wir den Glauben.

Wir singen das Vertrauenslied singen Lied 593,1-3 „Weil ich Jesu Schäflein bin.“

Dann lesen wir den Predigttext im 1. Petrusbrief: 1. Petr 2,21-25 und dazu folgende

Predigt

Liebe Gemeinde, liebe Brüder und Schwestern, liebe Freunde,

I

heute am Hirtensonntag sollte in der Kreuzkirche eigentlich ein Abendgottesdienst zum Thema Umwelt stattfinden. Es wurde ein Werbezettel dafür entworfen. In meiner Vorgabe für den Text schrieb ich „Hirtensonntag“. Ich meinte damit den heutigen Sonntag Misericordias Domini, das ist ein lateinischer Name, und er heißt volkstümlicher „Hirtensonntag“. Aber meine Werbegrafiker schnitten das Wort Hirtensonntag aus dem Handzettel heraus. Es ist klar, warum: Für einen zeitgenössischen Werbetexter klingt „Hirtensonntag“ mega verstaubt. Man hört es und sieht ein leicht käsiges Jesusgesicht, eine edle Gestalt mit mildem Blick, die sich sanft zu einem unmündigen Kindlein herabbeugt.

Andererseits habe ich in den letzten Tagen mit Erstaunen zur Kenntnis genommen, dass eine Persönlichkeit der Politik, von der angenommen wird, dass sie sich wie ein guter Hirte verhält und die als sehr fähig und führungsstark in unserer gegenwärtigen Lage empfunden wird, als tröstlich geradezu sogar für das seelische Wohlbefinden ankommt. Gemeint ist der Ministerpräsident unseres Bundeslandes, der als ein streng aber fürsorgend handelnder Landesvater wahrgenommen wird.

II

Im ersten Petrusbrief wird uns eine Person vorgestellt, nach der sich Menschen in einer Krisenzeit sehnen: „Ihr habt euch nun dem Hirten, der auf eure Seelen aufpasst, zugewandt“, wie es am Ende des heutigen Predigttextes heißt (1. Petrus 2,25).

Ein Hofer Schauspieler, mit dem ich sprach, wunderte sich darüber, dass jetzt einfach vorgeschrieben wird, wie man sich zu verhalten hat und alle Welt richtet sich danach. Ein anderer, zu dem ich Vertrauen habe, meldete Widerstand an und sagte, dass wenn es uns als Kirche wichtig sei, zusammenzukommen, dass man dann auch zusammenkommen müsse.

Von einer mehr grundsätzlichen Ebene steigt die Frage auf, ob man als selbstständiger Mensch, der vernunftbegabt ist und sich mit Wissen und Verstand zurüstet, eine Vaterfigur, eine Hirtengestalt, einen Aufpasser für seine Seele braucht. Ein glattes Nein auf diese Frage hat mich nicht unbeeindruckt gelassen.

In einem bekannten Film aus dem Jahre 1979 wird gezeigt, mit schrägem britischen Humor, wie es einem mittelmäßigen Mann jüngeren Alters gegen seinen Willen zustößt, dass er für den Messias gehalten wird. Er fühlt sich überrannt von der Menge der Leute, die ihm begeistert nachfolgen und die mit ihren Ohren an seinem Mund hängen und nach inspirierten Worten lechzen.

Dieser mittelmäßige Mensch, verzweifelt, weil er die ihm zugefallene Messiasrolle loswerden will, redet die ihm begierig und begeistert nachfolgende Herde an: „Hört zu, ihr versteht das alles falsch. Es ist wirklich nicht nötig, dass ihr mir folgt. Es ist völlig unnötig einem Menschen zu folgen, den ihr noch nicht einmal kennt. Ihr müsst nur für euch selbst denken. Ihr seid doch alle Individuen.“[1] „Ja, wir sind alle Individuen“ entgegnet das Volk brav dem unfreiwilligen Messias in einem gemeinschaftlich geblökten Chor.

Ja, wir sind alle Individuen, einer verschieden vom anderen – wie sollten wir alle ein und demselben Hirten nachfolgen, so wie es im Petrusbrief heißt, dass Christus „uns ein Vorbild hinterließ, dass wir seinen Fußstapfen nachfolgen“ (1. Petrus 2,21)?

III

Wir haben auch allerhand gemeinsam in dem menschlichen Geschlecht, auch wenn jeder so anders und besonders ist. Wir alle teilen Aggressivität, die mit einem Menschen auch durchgeht. Die kennt der Autor des Petrusbriefs, wenn er von Jesus schreibt: „der, als er geschmäht wurde, die Schmähung nicht erwiderte, nicht drohte, als er litt, es aber dem anheimstellte, der gerecht richtet“, so heißt es da. Wir können dem ruhig hinzufügen, was wir aus dem Evangelium gelesen haben, wie die römischen Soldaten Jesus eine Dornenkrone auf den Kopf setzten, und sie anfingen, ihn zu grüßen. „Gegrüßet seist du, der Juden König.“ Dann heißt es: „Sie schlugen ihn mit dem Rohr auf das Haupt und spien ihn an“ (Markus 15,17-19). Und es steht nichts davon da, dass Jesus sich gewehrt hätte oder dass er seine Peiniger verflucht hätte, er schien es alles so hingenommen zu haben. Wenn jemand unter uns spürt, er wird gedemütigt, er steckt in einer Klemme und andere nehmen es wahr und stellen ihn bloß und lachen ihn aus, so entwickelt sich in uns gewaltiger Zorn. Der frisst nach innen oder entlädt sich nach außen. Nach dem Zeugnis des Petrusbriefs hat Jesus es schlicht seinem Vater im Himmel überlassen, der soll wissen, was er mit seinen Peinigern macht, und hat ihm alle Aktivität überlassen und für sich selber auf jede Reaktion verzichtet. Nach einem anderen bekannten Ausspruch hat Jesus mehr als das getan, hat es nicht nur schweigend dem Vater im Himmel überlassen, sondern in der laut gesprochenen Fürbitte für die, die ihn kreuzigten, als er betete: “Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Lukas 23,34).

Kann man das  wirklich, frage ich mich, die Energie des Hasses, der ein Leben zerstören will, in reine Passivität oder Vergebungsbereitschaft umbauen, als wären Gefühle wie flüssiges Metall, das man in eine Form gießen kann und dann härtet es aus und es klingt hell und rein nach Vergebung, was genauso sich in Hass und Verfluchung hätte Bahn brechen können. Denn der Apostel des Petrusbriefs stellt es so dar, dass die anderen Möglichkeiten real dagewesen waren, „der die Schmähung nicht erwiderte, nicht drohte, als er litt“ (1- Petrus 3,23). Gerade wenn ein Mensch gedemütigt wird, zittert er vor Zorn, und das ließe sich einfach in Zutrauen zu Gott und Segen für die Verfolger ummünzen?

Vielleicht entdecken wir heute, wenn wir diese Worte hören, dass wir den zum Leben brauchen, der hier besungen wird mit Worten, die einem Liebeslied gleichen, weil sie so dicht und dichterisch geschrieben sind und soviel Respekt verraten, Bewunderung und Zuneigung, dass man recht spürt, hier sollte der Name Gottes geheiligt werden. Wer das so schreibt, der betet, ohne dass er’s hinschreibt: „Geheiligt werde dein Name“, dass wer es liest, dazu angeregt wird, Gottes Namen die Ehre zu geben, ihn heilig sein zu lassen und die unheiligen Hassgefühle fahren zu lassen.

Wer so schreibt, ist ergriffen, weil er Jesus so braucht, wie er ist. Und er gibt’s weiter wovon er ergriffen ist. Aber wieder entsteht die Frage, ob er’s allen weitergeben darf, vielleicht ist es für den einen gut, zu vergeben und die Gefühle des Hasses in Segen umzuwandeln. Vielleicht ist  es für den anderen gut, zu hassen und den Peiniger und Verfolger zu verfluchen und zuletzt umzubringen.

Aber vielleicht ahnt der, welchem Unrecht getan wurde, dass er dennoch selber auf Vergebung angewiesen ist. Der Apostel, der diese Worte schrieb, sagt noch mehr, dass unsere ganze Existenz, unser Sein und Wesen, dort seinen Ursprung fand, wo für Jesus das Ende war: „der unsere Sünden selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, den Sünden abgestorben, der Gerechtigkeit leben“ (1. Petrus 2,24).

IV

Es scheint nicht so zu sein, dass wir kindisch und dümmlich irgendeinem dubiosen Messias nachfolgen, vielmehr auf die Füße gestellt werden, Grund unter unseren Füßen finden, da, wo wir in den Sumpf unserer Emotionen abzugleiten drohten oder in einer dumpfen Aggressivität versumpft sind. Diese Erfahrung, festen Boden unter den Füßen zu finden, verdankt sich eben nicht unserer Vernunft. Diese Erfahrung speist sich aus der fremdartigen Freundlichkeit Gottes in Christus, „der unsere Sünden selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz“. Wir sehen ein, dass wir irrende Schafe waren und dass Gerechtigkeit an Land gezogen wurde, da Gott uns überhaupt am Leben ließ, obwohl wir so destruktiv waren. Nicht wir sind umgekommen, sondern Christus „Ich muss unbedingt diese Sünder leben lassen“, das scheint der unausgesprochene Wille hinter der Leidensbereitschaft Gottes in Christus gewesen zu sein. Dieser Leidensbereitschaft sollen wir nachspüren, sie für uns entdecken, das bedeutet, dass wir „nachfolgen seinen Fußstapfen“.

So eine Zeit des Nachspürens und Nachdenkens wurde uns geschenkt durch die Einschränkungen, ja sogar von Grundrechten, auch des Grundrechtes auf Religionsfreiheit, dass wir durchaus wahrnehmen, dass wir Individuen sind, mit einer Seele, um die sich jemand kümmern muss, da wir sonst unseren Hassgefühlen so ausgeliefert wären. In der Zeit dieser zwangsweisen Versetzung in eine Art Ruhestand dürfen wir auch wahrnehmen, dass wir kollektiv „wie irrende Schafe“ sind, in unserer heutigen Zeit, weil wir dem Ruf des immer schneller, weiter, höher kritiklos gefolgt sind. Wenn wir diesem Ruf folgen, geht das zu Lasten der Erde und ihren Geschöpfen. Nun scheint die Spirale der Gewalt gegen Mutter Erde dahin geführt zu haben, dass Luftströme von West nach Ost feststecken und wir in trockenem Wetter festsitzen oder wenn es im Süden Arabiens seit zwei Jahren ungewohnt viel regnet, dass sich dort die Heuschrecken sprunghaft vermehren und große Schwärme bilden, die zur Zeit Ostafrika heimsuchen.

Dieser gute Hirte, nach dem der heutige Sonntag benannt ist, scheint gar nicht so sehr ein Typ zu sein, der satte väterliche Autorität und eine Politik der ruhigen Hand ausstrahlt. Sehr angegriffen und angefochten kommt er uns vor. Aber er könnte kein guter Hirte für angegriffene und angefochtene Menschen sein, wenn er es nicht an seinem eigenen Leibe erfahren hätte. Das Osterfest sagt: Er lebt. Aber das Leben ist nicht ohne das Gedächtnis seiner Kreuzigung und der Schläge und des Spottes und der Erniedrigung.

Wenn wir heute „der Gerechtigkeit leben“, so geht das gar nicht ohne die Erfahrung unserer eigenen Ungerechtigkeit, sei es derer, die wir selber in die Welt gesetzt haben, sei es derer, die wir erlitten haben. Also sind wir da ganz und gar Individuen, weil jeder seine eigenen Erfahrungen der Ungerechtigkeit hat. Aber es soll uns nichts zerfressen und zerreißen und töten. Dazu braucht’s eben einen „Bischof eurer Seelen“, wie der Apostel schreibt. Es steht da im griechischen ein Wort, das Aufseher bedeutet.[2] Aus dem Klang dieses Wortes hat sich die Bezeichnung für ein kirchliches Amt entwickelt, das des Bischofs.

Ob wir auch menschliche Aufpasser auf unsere Seelen brauchen, nicht nur den Auferstandenen als solchen, ob wir auch die Kirche brauchen mit ihren Bischöfen, Pfarrern, Diakonen? Durch die gegenwärtige Aussetzung der Gottesdienste fühle ich die Existenz der Kirche in Frage gestellt.

Wenn es sie doch geben soll, dann gewiss nicht, damit sich deren Mitglieder als Schäfchen autoritär behandelt und gegängelt fühlen und dann irgendwann erwachsen werden und darüber lachen. Vielmehr dürfen wir ruhig, wenn wir „der Gerechtigkeit leben“, unser eigenes Bischofsamt entdecken, indem wir Väter und Mütter sind, Lehrer und Erzieher oder auch Menschen, die jemandem zuhören, Menschen, die für andere schwach werden und die plötzlich die Pflicht spüren, für andere zu beten.

Aber wenn wir anfangen, zu erwarten, dass der Staat der Gute Hirte sein muss, dann werden wir eher in autoritäre Verhältnisse hineinkommen, in denen dann das Individuum gar nichts mehr gilt. Der Ehrentitel des Guten Hirten gebührt allein dem, den wir im Glauben bekennen, der Unrecht erlitten hat und der doch lebt und dem alle Gewalt im Himmel und auf Erden gehört (Matthäus 28,19). Misericordias Domini plena est terra – An Erbarmungen des Herrn ist voll die Erde, so heißt es im 33. Psalm (Psalm 33,5) und von daher hat der heutige Sonntag seinen Namen. Aber wenn das Unrecht nicht beim Namen genannt wird, gibt es auch kein Erbarmen.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Darauf singen wir vom Lied 495 „O Gott, du frommer Gott“ die Strophen 1-4.

Heute beten wir mit Worten unserer Konfirmandinnen und Konfirmanden:

Ich bin dankbar für das,
was ich hab und dass es mir gut und wohl geht.
In diesen schweren Zeiten müssen wir alle zusammenhalten.
Ich hoffe, dass die Menschen da draußen auf sich aufpassen.
Amen.

Lieber Gott,
hilf uns allen durch diese schwere Zeit,
gib denjenigen Hoffnung, die erkrankt sind,
gib denjenigen Kraft, die ihre Freunde vermissen,
Angst haben und schwach sind.
Gib unserer Regierung Kraft, um uns gut durch diese Krise zu führen, sodass es für alle gut ausgeht.
Stärke uns und unsere Gemeinschaft, dass wir gemeinsam helfen können.
Amen.

Lieber Vater im Himmel,
wir bitten dich, dass diese schwierige Zeit bald endet 
und wir nach dieser Zeit mehr mit Familien und Freunden unternehmen,
aber stehe uns auch bitte noch während dieser Zeit bei.
Amen.

Herr Jesus Christus,
du bist der gute Hirt.
Du kennst uns, unsere Stärke und unsere Schwächen.
du siehst unser Herz und weißt um unsere Freuden und Sorgen.
Lass uns auf deine Stimme hören und dir vertrauen. Darum bitten wir dich.
Amen.

Wir beten Vaterunser.

Dann sprechen wir den Segen: Es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen.

 

[1] http://filmzitate.info/index-link.php?link=http://filmzitate.info/suche/film-zitate.php?film_id=39, aufgerufen am 24. April 2020.

[2] „Episkopos“.